Körperarbeit am Pferd
Der vielleicht am schnellsten wachsende Bereich ist die manuelle und energetische Körperarbeit. Die Masterson Method®, entwickelt vom Amerikaner Jim Masterson, arbeitet nicht mit Druck, sondern mit der Bewegungsreaktion des Pferdes: Über sehr feine Berührung und die Beobachtung, wie das Tier darauf reagiert, sollen Verspannungen im Bindegewebe gelöst werden. Die Ausbildung zum "Certified Equine Practitioner" (MMCP) läuft international und mehrstufig, mit einem eigenen Verzeichnis zertifizierter Praktiker:innen. (mastersonmethod.com)
Eng verwandt, aber aus der Humanmedizin abgeleitet, ist die Cranio-Sacrale Balance. In Österreich bietet etwa das Zentrum Tier eine eigene Grundausbildung an, bei der es um die sanfte manuelle Arbeit am Schädel-Kreuzbein-System des Pferdes geht – ein Ansatz, der ursprünglich aus der Osteopathie für Menschen stammt und in den letzten Jahren zunehmend auf Tiere übertragen wurde. (zentrumtier.at)
Und schließlich hat sich biotensegrales beziehungsweise tensegrales Training als eigener Trainingsansatz etabliert: Statt das Pferd rein biomechanisch als System aus Knochen und Gelenken zu betrachten, geht dieses Konzept von einem durchgehenden Spannungsnetzwerk aus Muskeln und Faszien aus. Anders als bei Masterson Method oder Cranio-Sacraler Arbeit gibt es hier keine einzelne zertifizierende Institution – der Begriff wird von mehreren Trainerinnen, Physiotherapeutinnen und Ausbildern parallel verwendet, oft mit unterschiedlichem Schwerpunkt zwischen Reha, Gesunderhaltung und klassischer Ausbildung. (wehorse.com; https://www.horse-tensegrity-training.com)
Reiterliche Schulen abseits des Verbandswegs
Wer sich reiterlich nicht über den OEPS, sondern über eine eigenständige Schule ausbilden lassen will, landet häufig bei der École de Légèreté des Franzosen Philippe Karl. Die Schule versteht sich als Gegenentwurf zu Wettkampf-orientierter Dressurausbildung und legt den Fokus auf leichte, konfliktfreie Zügelführung. Das Ausbildungssystem ist international organisiert und mehrstufig: Trainee Teacher, Licensed Teacher, Master Teacher – mit eigenen Prüfungen auf jeder Stufe und einer öffentlich einsehbaren Weltkarte lizenzierter Lehrer:innen. (philippe-karl.com)
Eine zweite, ganz anders ausgerichtete Schule ist Centered Riding®. Die US-Amerikanerin Sally Swift entwickelte die Methode aus ihrer eigenen Erfahrung mit einer Skoliose heraus: Im Zentrum steht nicht Zügeleinwirkung, sondern die Körperwahrnehmung und -zentrierung der reitenden Person selbst. Centered Riding hat eigene Instruktor-Zertifizierungen und ist auch in Österreich über eine eigene Landesorganisation vertreten. (centeredriding.at)
Innerhalb der klassischen Dressur, aber ebenfalls außerhalb des Verbandswegs, positioniert sich die Zentaurus Akademie als österreichisches Ausbildungszentrum. Sie vergibt unter anderem die Zertifizierung "Gesundheitstrainer" und richtet sich an alle, die klassische Reitlehre mit einem Fokus auf pferdegerechte Ausbildung verbinden wollen. (zentaurus.at)
Wenn Pferdegesundheit zum eigenen Berufsfeld wird
Parallel zur reiterlichen Ausbildung hat sich ein eigener Ausbildungszweig rund um Pferdephysiotherapie und -osteopathie etabliert. Das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) bietet eine berufsbegleitende, mehrjährige Ausbildung an, die sich sowohl an Quereinsteiger:innen als auch an Menschen mit medizinischem oder physiotherapeutischem Hintergrund richtet. (osteopathiezentrum.de)
In Österreich selbst haben sich daneben kleinere, spezialisierte Fortbildungsinstitute für Tiergesundheit etabliert, die Kurse zu Tiermassage und Bewegungstraining anbieten – ein Bereich, der zwischen klassischer Physiotherapie und praktischer Trainingsarbeit am Pferd liegt und in den letzten Jahren spürbar gewachsen ist.
Pferdegestützte Pädagogik
Ein Bereich, der beim Blick auf "Pferdetrainer-Ausbildungen" schnell übersehen wird, ist die pferdegestützte Pädagogik. Die österreichische EREL-Methode ("Erfolgreiches Lernen") setzt gezielt bei Kindern mit Lernstörungen wie Legasthenie oder Dyskalkulie an und nutzt die Arbeit mit Pony und Pferd als pädagogisches Werkzeug. Die Ausbildung zum EREL-Trainer beziehungsweise Legasthenie-/Dyskalkulietrainer ist mehrstufig aufgebaut und richtet sich sowohl an Pferdemenschen als auch an Pädagog:innen, die mit Pferden arbeiten wollen. (lernenmitpferden.at)
Eine Sonderform des staatlichen Wegs: die Islandpferde-Szene
Auch innerhalb der offiziellen Struktur gibt es Ausbildungswege, die im ersten Überblick leicht untergehen. Der Österreichische Islandpferdeverband (ÖIV) bietet eigene Übungsleiterkurse speziell für Islandpferde an – ein Trainerschein, der auf die Besonderheiten der Gangpferdeszene zugeschnitten ist und außerhalb der klassischen OEPS-Laufbahn für Dressur, Springen und Vielseitigkeit steht. (oeiv.org)
Drei weitere Ausbildungsangebote im Detail
Auch im Bereich Coaching und Rückengesundheit haben sich in Österreich eigene, mehrmonatige Zertifikatsausbildungen etabliert. Die RideMindMove-Coach-Ausbildung etwa dauert neun Monate und läuft hybrid, also mit Online- und Präsenzanteilen. Sie richtet sich an Reiter:innen und Trainer:innen, die Longieren, Boden- und Handarbeit mit Persönlichkeitsentwicklung verbinden wollen: Vermittelt werden sowohl reittechnische Grundlagen der Pferdearbeit als auch mentale Stärkung – mit dem Ziel, beides gemeinsam weiterzugeben. Ergänzend dazu gibt es die SoulRis(d)ing-Coach-Ausbildung, ein siebenmonatiges Programm, das komplett online mit Live-Calls stattfindet. Hier stehen Mindset, Emotionen und limitierende Glaubenssätze im Mittelpunkt; Absolvent:innen sollen lernen, als Mentor:innen zu arbeiten, die Pferde als Werkzeug für persönliche Weiterentwicklung einsetzen (RideMindMove & SoulRis(d)ing Coach – lisajost.com)
Im Bereich Rückengesundheit bietet die Ausbildung ToplineRESET® einen strukturierten Einstieg in die Arbeit mit dem sogenannten Topline-Syndrom. Sie ist zweistufig aufgebaut: Eine "Light"-Schiene aus Theorieteil und zwei dreitägigen Workshops sowie eine "Professional"-Schiene mit vier Workshops und einer zweijährigen Coaching-Begleitung im Anschluss. Inhaltlich reicht das Programm von der Analyse von Wirbelsäulensyndromen und Triggerpunkt-Techniken über cranio-sacrale Grundlagen bis zu energetischen Methoden wie Meridian- und Chakrenarbeit – wahlweise für die Arbeit am Pferd oder, in einer eigenen Variante, für Menschen (ToplineRESET-Ausbildung – HORSE ENERGY).
Einen dritten, deutlich breiter angelegten Ausbildungsweg bietet das F.I.T. – Fortbildungsinstitut für Tiergesundheit in Raaba bei Graz. Das Kursangebot reicht von kurzen, einzeln buchbaren Modulen wie Erster Hilfe am Pferd, gesundem Pferderücken oder Pferde-Neuroanatomie bis zur vollständigen, mehrmonatigen Zertifikatsausbildung zur Tiermasseurin beziehungsweise zum Tierbewegungstrainer. Das Institut arbeitet dabei mit Tierärzt:innen zusammen, um die Kursinhalte fachlich abzusichern( F.I.T. Fortbildungsinstitut für Tiergesundheit).
Fazit
Das Bild, das sich aus diesen Wegen ergibt, ist klar: Neben dem staatlich geregelten Weg über OEPS und Pferdewirt gibt es in Österreich und im deutschsprachigen Raum ein dichtes Netz an spezialisierten, teils internationalen Ausbildungen – von Körperarbeit über reiterliche Nischenschulen bis zur pferdegestützten Pädagogik. Gemeinsam ist den meisten dieser Wege, dass sie sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern häufig kombiniert werden: eine Basis in klassischer Reitlehre oder Physiotherapie, ergänzt um eine oder mehrere dieser spezialisierten Zusatzqualifikationen.



